Ich erlebe in meiner Arbeit oft die Problematik, dass Menschen ihre eigenen Bedürfnisse nicht (er)kennen und somit nicht für sie einstehen. Es geht ihnen einfach schlecht. Einige erzählen mir sogar, dass sie sich noch nie mit ihren eigenen Bedürfnissen und daraus resultierenden Grenzen auseinandergesetzt haben! Ich selbst nehme mich da nicht aus. Es hat viele persönliche Herausforderungen gebraucht, bis ich mich mir selbst zugewandt habe.
So ist es ganz oft: Erst, wenn sich Übererregung (ständige Gereiztheit, Ängste, Nervosität) oder Taubheit (wie depressive Verstimmungen oder anhaltende Erschöpfung) verfestigen, schauen wir hin. Und selbst dann dauert es manchmal noch sehr lange, bis wir erkennen, dass eine Ursache für unsere Beschwerden in der Missachtung unserer Bedürfnisse liegt. Durch uns selbst- oder auch durch andere.
Wenn wir das zu lange ignorieren, chronifiziert sich der Stress und kann in körperlichen und psychischen Beschwerden münden (häufig: Verspannungen, Depressionen, Angststörungen).
Sich hieraus wieder zu befreien, erfordert sehr viel Energie und Zeit. Da spreche ich aus eigener Erfahrung. Diesen Artikel schreibe ich also genauso auch für mich- um mich erneut daran zu erinnern, wie wichtig diese Praxis der Selbstfürsorge ist.
…Okay, aber was ist jetzt zu tun?
Eine regelmäßigen Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen. Damit zahlen wir auf unser Gesundheitskonto ein- psychisch wie physisch. Dabei möchte ich unterstützen:
In dieser Artikel-Serie möchte ich darüber sprechen:
- Wissen: Was sind eigentlich Bedürfnisse?
- Innere Klarheit: Wie kann ich meine Bedürfnisse und Grenzen besser spüren?
- Umsetzung: Wie kann ich Grenzen kommunizieren – ohne schlechtes Gewissen?
Beginnen wir mit der Frage: Was sind Bedürfnisse?
Vorweg: Bei der Beschreibung von Bedürfnissen beziehe ich mich auf Marshall Rosenberg, den Begründer der Gewaltfreien Kommunikation.
Rosenberg zu Folge sind Bedürfnisse grundlegende innere Anliegen, die alle Menschen haben – unabhängig von Alter, Rolle oder Lebenssituation. Dazu gehören z.B. Sicherheit, Ruhe, Zugehörigkeit, Autonomie, Sinn, Klarheit, Unterstützung. Eine ausführlichere Liste findest du unter https://www.gfk-info.de/beduerfnisliste-gfk-gewaltfreie-kommunikation/.
Dabei ist wichtig:
• Jede Handlung ist im Kern von Bedürfnissen Getrieben. Jedes Tun stellt dementsprechend ein Versuch dar, ein Bedürfnis zu erfüllen.
• Bedürfnisse stehen nie im Widerspruch zueinander – wohl aber die Strategien, sie zu erfüllen.
• Die Ausprägung von Bedürfnissen unterscheidet sich je nach Persönlichkeit, Prägung und Lebensphase.
Was Bedürfnisse nicht sind:
• Gefühle (sie sind Hinweise auf erfüllte oder unerfüllte Bedürfnisse)
• Konkrete Lösungen (z. B. Teilzeit, Homeoffice) bzw. Strategien
• Erwartungen an andere Menschen
Eine (unvollständige Liste von Bedürfnissen):
- Autonomie (Selbstbestimmung, Wahlfreiheit, Authentizität)
- Verbindung (Zugehörigkeit, Liebe, Resonanz, Mitgefühl)
- Sicherheit (Verlässlichkeit, Schutz, emotionale Stabilität)
- Sinn & Beitrag (Wirksamkeit, Erkenntnis, Entwicklung, Inspiration)
- Ausdruck & Kreativität (Gestaltung, Sichtbarkeit, Teilen von Ideen)
- Integrität (Werte leben, Grenzen achten, Authentizität)
- Leichtigkeit & Erholung (Ruhe, Humor, Genuss, Schlaf)
- Struktur & Klarheit (Orientierung, Ordnung, Fokus, Übersicht)
Wie steht es um deine Bedürfnisse?
Eine spannende Übung für dich:
- Wähle einen Lebensbereich aus (z.B. Arbeit, Familie, Freizeit,…)
- Welche Bedürfnisse sind hier aktuell besonders wichtig? Wähle 5 aus.
- Zeichne für jedes dieser Bedürfnisse je ein Wasserglas auf ein Blatt Papier oder nutze mein Arbeitsblatt.
- Zeichne den aktuellen „Füllstand“ deines Bedürfnisses ein
- Was kannst du heute tun, um deinen Füllstand des leersten Glas um 10% zu steigern?
Im zweiten Teil meiner Artikelserie geht es dann um das Spüren der eigenen Bedürfnisse. Zusätzlich gebe ich eine praktische Anleitung für eine Check-in Routine mit dir selbst.
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