Wie leicht fiel es dir, den Füllstand deiner Bedürfnisgläser aus meinem letzten Beitrag zu markieren? Es ist wunderbar, wenn wir direkt erkennen, wie es um unsere Bedürfnisse steht. Dann können wir uns im nächsten Schritt den Strategien zu ihrer Erfüllung zuwenden. Doch den meisten Menschen fällt es schwer, ihre Bedürfnisse zu bemerken.

Warum ist das so?
Oft hapert es am Einfühlungsvermögen. Das wird nämlich vorausgesetzt, um einen Zugang herzustellen zu dem, was in uns aktiv ist: unsere Gefühle. Diese sind unsere Indikatoren für das, was uns fehlt – oder was schon da ist. Marshall Rosenberg wird folgendes Zitat zugeordnet: „Gefühle sind die Kinder unserer Bedürfnisse“.
Kein Zugang zu Gefühlen=kein Zugang zu Bedürfnissen.
Gelernt haben wir ein solches Einfühlungsvermögen meist nicht. Eher wurden wir dazu implizit oder explizit trainiert, bestimmte Gefühle zu unterdrücken oder zu überspielen.

Bevor wir zu dem „wie geht Einfühlung“ kommen, erst einmal ein paar allgemeine Aspekte zu Gefühlen:

Gefühle sind unwillkürlich, also spontan, unkontrollierbar und unabsichtlich. Sie sind nie „falsch“. Sie zeigen aber auch nicht zwingend „die Wahrheit“ an (ich kann vor etwas Angst haben, von dem keine reale Gefahr ausgeht).
Moment mal…
Wie kann ein Gefühl gleichzeitig weder falsch noch der Wahrheit entsprechend sein?

Gefühle sind immer eine Interpretation unseres Organismus auf (innere oder äußere) Reize. Daraus resultiert: Gefühle werden durch Reize ausgelöst und beeinflusst, nicht verursacht! Aus der bestimmten Perspektive (Bewertung) die wir einnehmen, machen die entsprechenden Gefühle immer Sinn! Es muss uns nur klar werden: wir haben einen Einfluss auf diese Perspektive. Vielleicht nicht sofort oder ultimativ, aber wir können üben, den Raum zwischen Reiz und Reaktion in uns wahrzunehmen und bewusst unseren Umgang neu zu wählen. Somit haben wir (mit Übung!) auch indirekt Einfluss auf unser Gefühlsleben. Damit meine ich nicht, dass wir unseren Gefühlen misstrauen sollten, sondern nur, dass wir uns ihnen neugierig mit einer gewissen Detektiv-Mentalität zuwenden sollten: „Wo bist du? Wie heißt du? Was ist deine Motivation? Was macht dich größer/kleiner?“

Zusammengefasst:
Gefühle haben eine Doppelfunktion: sie zeigen auf das Bedürfnis, das (un)erfüllt ist („was fehlt mir gerade“?) UND auf die Ebene der Bewertung („Was denke ich über die Situation“?).

Wie sollen Gefühle denn überhaupt wahrgenommen werden?
Hier kommt nun Achtsamkeit ins Spiel, die im Körper beginnt. Zunächst genügt es völlig, überhaupt einmal die Energien zu spüren, die sich durch unseren Körper bewegen – denn Emotion bedeutet wörtlich: Energy in motion.“

Hier ein paar Beispiele:

  • Ich fühle ein warmes, weites Gefühl, wenn mir jemand wirklich zugewandt zuhört. Mein Bedürfnis nach Anerkennung und Verbindung ist erfüllt.
  • Ich fühle mich freudig, wenn ich Badminton spiele. Mein Bedürfnis nach Abenteuer, Bewegung und Spiel ist erfüllt.
  • Ich spüre Angst, wenn jemand mich cholerisch anschreit. Mein Bedürfnis nach Schutz ist nicht erfüllt.

Und das ist oft unbequem, weil wir dabei natürlich nicht nur warmen, weiten und prickelnden Gefühlen auf den Grund gehen, sondern auch Enge, Kälte und Anspannung. Dennoch ist es wichtig und lohnenswert, regelmäßig auf Tuchfühlung mit (bzw. innerhalb) der eigenen Innenwelt zu gehen.

Auch unseren Gefühlswortschatz dürfen wir erweitern. Aus einem „mir geht es schlecht“ kann ein „ich spüre Traurigkeit/Einsamkeit/Druck/Wut/Anspannung/Frust/Enge …“ werden. Eine feinere Unterscheidung der Gefühle ist hilfreich für die weitere Erkundung der Bedürfnisse.

Vorsicht: Pseudo-Gefühle!

Rosenberg unterscheidet klar zwischen echten Gefühlen (ich fühle Traurigkeit) und Pseudo-Gefühlen (ich fühle mich ignoriert / manipuliert / unverstanden). Der Unterschied: in zweiterem liegt schon eine die Bewertung zur Situation bzw. der anderen Person.

Was ist meist das passende Gefühl zu unerfüllten Bedürfnissen?

Unerfülltes BedürfnisTypische Gefühle
Verbindung / ZugehörigkeitEinsamkeit, Traurigkeit, Sehnsucht
Anerkennung / WertschätzungFrust, Gekränktheit, Scham
Autonomie / FreiheitWut, Enge, Rebellion
Sicherheit / SchutzAngst, Anspannung, Unruhe
Ruhe / ErholungErschöpfung, Gereiztheit, Leere
Sinn / BedeutungLustlosigkeit, Gleichgültigkeit, Traurigkeit
Klarheit / OrientierungVerwirrung, Überforderung, Hilflosigkeit

Aber wie lässt sich das im Alltag konkret üben? Eine Anleitung zum Erspüren und Benennen der eigenen Gefühle

Übung: Vom Körper zum Bedürfnis (10–15 Minuten, am besten abends)

Nimm dir ein Notizbuch und beantworte diese Fragen schriftlich:

  • Was hat mich heute bewegt? (Eine Situation, ein Gespräch, ein Moment)
  • Was habe ich dabei im Körper gespürt? (Beschreib die Empfindung so konkret wie möglich)
  • Welches Gefühl steckt dahinter? (Nutze gerne eine Gefühlsliste als Hilfe)
  • Was sagt mir dieses Gefühl über mein Bedürfnis? (Was war erfüllt – oder vermisst?)

Tipp: Mach diese Übung 7 Tage lang. Du wirst merken, wie dein Gefühlswortschatz wächst – und wie viel klarer deine Bedürfnisse werden.

Gefühle zeigen uns also nicht nur, was wir brauchen – sie spiegeln auch wider, wie wir eine Situation bewerten. Und genau da, in dieser Bewertung, liegt oft der Zündstoff in Konflikten. Mehr dazu im nächsten Artikel.

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